MENSCH & GESELLSCHAFT · 6 MIN. LESEZEIT

Ein Wort zieht weiter.

Wie „Maus“ eine neue Bedeutung bekommt, ohne die alte zu verlieren.

Künstlerische Gegenüberstellung einer Schreibmaschine und eines Smartphones ohne lesbare Schrift.
Künstlerische KI-Illustration erstellt von Aik, Idee von Mario.

Die Maus frisst ein Korn. Die Maus bewegt einen Zeiger. Wir stolpern kaum über diese beiden Sätze, obwohl sie von sehr verschiedenen Dingen handeln. Wie kann ein vertrautes Wort zusätzlichen Raum gewinnen, ohne seine alte Bedeutung aufzugeben? Am Beispiel „Maus“ lässt sich dieser Wandel verfolgen – und zugleich lernen, was ein historischer Beleg tatsächlich beweist.

Ein Wort, zwei Situationen

Die beiden Eingangssätze sind von uns gebildete Beispiele, keine historischen Zitate. Im ersten lenkt das Verb „frisst“ unseren Blick auf ein Tier, im zweiten „Zeiger“ auf den Computer. Das DWDS verzeichnet beide Bedeutungen unter demselben Stichwort. Es dokumentiert außerdem weitere Verwendungen, etwa ein Kosewort. Unser Fall ist also ein Ausschnitt aus einem größeren Bedeutungsfeld. Entscheidend ist zunächst: Die technische Bedeutung hat die Tierbedeutung nicht ersetzt. Das Wort hat eine zusätzliche Aufgabe übernommen. [1]

Die ältere Spur reicht weit zurück

Die im DWDS zugängliche Etymologie von Wolfgang Pfeifer führt die althochdeutsche Form mūs für das 8. Jahrhundert an. Diese Datierung betrifft eine historische Sprachform. Sie sagt nicht, dass Menschen das Tier erst damals benannt hätten. Schon hier müssen wir zwischen dem Alter einer verfügbaren Spur und dem Beginn einer sprachlichen Praxis unterscheiden. Eine Zeitleiste kann nur das ordnen, was ihre Quellen tragen. Die früheste hier gezeigte Spur ist keine Geburtsurkunde des Wortes. [1]

Ein neues Gerät erhält ein vertrautes Bild

Die Gerätegeschichte hat andere Eckdaten: Laut SRI baute Bill English 1964 den ersten Prototyp im Forschungsumfeld von Douglas Engelbart. Am 9. Dezember 1968 führte Engelbart in San Francisco ein interaktives Computersystem mit Maus vor. SRI überliefert außerdem eine rückblickende Erklärung Engelbarts: Das Gerät habe mit seinem Kabel an eine Maus samt Schwanz erinnert. Das macht das Bild hinter der englischen Bezeichnung verständlich; es liefert weder einen gesicherten Benennungstag noch einen ersten deutschen Wortbeleg. [3] [4]

DIE SPUREN IN DER ZEIT

Ein Wort, mehrere Zeitspuren.

Wortgeschichte und Gerätegeschichte treffen sich hier. Sie beginnen nicht am selben Tag. Die Abstände dieser Zeitleiste sind nicht maßstabsgetreu.

  1. 8. Jahrhundert
    Wortgeschichte

    Die ältere Spur

    Pfeifers Etymologie im DWDS datiert die althochdeutsche Form mūs in diesen Zeitraum. Das datiert nicht den Beginn seiner gesprochenen Verwendung. [1]

  2. 1964
    Technikgeschichte

    Ein Prototyp entsteht

    Bill English baut bei SRI den ersten Computermaus-Prototyp im Forschungsumfeld von Douglas Engelbart. [3]

  3. 9. Dezember 1968
    Technikgeschichte

    Das Gerät wird vorgeführt

    Engelbart demonstriert in San Francisco ein interaktives Computersystem mit Maus. Das Ereignis datiert keine erste deutsche Wortverwendung. [3]

  4. 19. Oktober 1990
    Deutscher Textbeleg

    Maus auf dem Schreibtisch

    Der Eintrag Maus führt einen Zeit-Beleg, in dem das Wort ein Eingabegerät bezeichnet. Ein nachprüfbarer Verwendungszeitpunkt, kein behaupteter Erstbeleg. [1]

  5. 25. Dezember 1992
    Deutscher Textbeleg

    Auch die lange Form ist belegt

    Unter Computermaus dokumentiert das DWDS einen weiteren Zeit-Beleg. Er zeigt die zusammengesetzte Bezeichnung für das Gerät. [2]

  6. 2020 / 2024
    Wörterbuchstände

    Die Bedeutungen stehen nebeneinander

    Computermaus ist mit Stand 2020, Maus mit Stand 2024 ausgewiesen. Die Tierbedeutung besteht neben der technischen Bedeutung weiter. [1] [2]

Ein Beleg zeigt: Das Wort wurde in diesem Text verwendet. Er zeigt nicht: Hier wurde es zum ersten Mal verwendet. Wörterbuchjahre bezeichnen den angegebenen redaktionellen Stand.

Ein Beleg ist noch kein Anfang

Im Eintrag Maus findet sich ein Zeit-Beleg vom 19. Oktober 1990 für das Eingabegerät. Unter Computermaus steht ein weiterer vom 25. Dezember 1992. Wir können daraus schließen, dass die jeweilige Bezeichnung in diesen Texten verwendet wurde. Wir können nicht daraus schließen, dass sie dort erfunden wurde oder erst damals ins Deutsche kam. Die Zeitungsausschnitte lesen wir hier im Wörterbuch, nicht in den gesondert geprüften Originalausgaben. Für einen belastbaren Erstbeleg wäre eine breitere historische Recherche nötig. [1] [2]

Was sich verändert – und was bleibt

Bei einer Bedeutungsübertragung wird ein bekanntes Bild für etwas anderes nutzbar. In unserem Fall verbindet die Ähnlichkeit mit dem Tier die beiden Vorstellungen. Für diesen gemeinsamen Wortkörper mit zusammenhängenden Bedeutungen gibt es den Fachausdruck Polysemie: Mehrdeutigkeit. Computermaus macht den technischen Zusammenhang ausdrücklich; Maus kann ihn im passenden Gespräch verkürzen. Das DWDS weist die Bestandteile Computer und Maus aus und verbindet beide Geräteeinträge miteinander. Das Ergebnis ist dokumentiert. Den genauen Weg und Zeitpunkt der Übertragung ins Deutsche bestimmen diese Einträge nicht. [1] [2]

Der Zusammenhang arbeitet mit

„Die Maus liegt neben der Tastatur“ dürfte meist anders verstanden werden als „Die Maus sitzt unter dem Schrank“. Auch das sind unsere eigenen Beispiele. Sie zeigen, wie weitere Wörter eine Lesart nahelegen. Ganz ausschließen lässt sich die andere damit nicht: Ein Tier könnte ebenfalls neben einer Tastatur sitzen. Verstehen ist deshalb mehr als das mechanische Austauschen einer Definition. Situation, Gespräch und Vorwissen helfen uns, eine Bedeutung auszuwählen. Dass wir das oft mühelos tun, macht den Wandel leicht unsichtbar.

Was wir hier noch nicht wissen

Die Wörterbucheinträge belegen vorhandene Bedeutungen und ausgewählte Verwendungen. Sie messen nicht, wie oft Menschen in Gesprächen jeweils Tier oder Gerät meinen. Auch eine Häufigkeitskurve für die Zeichenfolge Maus würde diese Bedeutungen ohne zusätzliche Auswertung nicht sauber trennen. Dafür müsste man Texte nach Zeitraum und Textsorte auswählen und ihre Verwendungen im Zusammenhang untersuchen. Unsere offene Anschlussfrage lautet deshalb: Wann wurde die technische Bedeutung in deutschen Alltagstexten so vertraut, dass sie ohne Erklärung auskam? Die zwei Zeitungsausschnitte allein beantworten das nicht.

Eine kleine Beobachtung für den Alltag

Achte einmal darauf, was passiert, wenn Dir heute das Wort Maus begegnet. Welche Wörter oder Gegenstände verraten Dir, was gemeint ist? Muss jemand „Computer“ ergänzen? Eine solche Notiz ist keine repräsentative Sprachstudie. Sie kann aber eine vertraute Leistung sichtbar machen: Wir benutzen ein altes Wort in einer veränderten Welt und verstehen es neu, ohne die frühere Bedeutung ablegen zu müssen. Wandel hinterlässt nicht immer eine Lücke. Manchmal schafft er zusätzlichen Platz.

EINORDNUNG & QUELLEN

Die Illustration ist eine künstlerische Sprachmetapher und zeigt keinen historischen Arbeitsplatz. Die Zeitleiste ist redaktionell aus den unten erläuterten Quellen erstellt; sie ist nicht maßstabsgetreu. Technikereignisse, Textbelege und Wörterbuchstände sind ausdrücklich unterschieden.

  1. DWDS · Maus: Bedeutungen und Etymologie ↗

    Wörterbucheintrag mit Stand 2024; enthält Pfeifers Etymologie mit althochdeutschem Belegzeitraum (8. Jahrhundert) und einen technischen Verwendungsbeleg aus Die Zeit vom 19. Oktober 1990. Wir verwenden diesen als Wortbeleg, nicht als verlässliche Darstellung der Geräteerfindung. Kein Nachweis der allerersten deutschen technischen Verwendung.

  2. DWDS · Computermaus: Wortbildung und Textbelege ↗

    Wörterbuchstand 2020; zerlegt Computermaus in Computer und Maus. Enthält einen Beleg aus Die Zeit vom 25. Dezember 1992. Datierte Zeitungstexte werden hier über das Wörterbuch nachgewiesen; die Originalausgaben wurden nicht gesondert geprüft. Gleicher Wörterbuchträger wie Quelle 1.

  3. SRI · The computer mouse and interactive computing ↗

    Rückblick der beteiligten Forschungseinrichtung: Bill English baute 1964 den ersten Prototyp; Douglas Engelbart führte das System am 9. Dezember 1968 öffentlich vor. Belegt Technikgeschichte, nicht die erste Verwendung des deutschen Wortes.

  4. SRI · 75 Years of Innovation: The Computer Mouse ↗

    Der Jubiläumsbeitrag gibt eine Engelbart zugeschriebene rückblickende Erklärung der Benennung wieder: Ähnlichkeit mit einer Maus samt Schwanz. Keine zeitgenössische Benennungsurkunde und kein gesicherter Tag der Wortprägung. Gleiche Institution wie Quelle 3.

Quellen geprüft am 23. Oktober 2026. Zeitungstexte sind über die Wörterbucheinträge nachgewiesen. Die Zeitleiste trennt belegte Zeitpunkte von offenen Fragen zur ersten Verwendung.

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